EU-Projekttag der BBS 1

 

Am 9. März 2009 besuchte Frauke Heiligenstadt, Landtagsabgeordnete und bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, die BBS 1 in Northeim, um an einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Was hat die EU mit meinem Leben jetzt und in der Zukunft zu tun?“ teilzunehmen.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion beantworteten die Frage, was Europa für sie persönlich bedeute einhellig positiv, indem sie auf neue politische und wirtschaftliche Chancen im Rahmen einer gemeinsamen EU-Gesetzgebung verwiesen. Diese reichten auf der politischen Seite von Umweltbelangen, über den Umgang mit gentechnisch behandelten Lebensmitteln bis hin zu bildungspolitischen Chancen durch den europäischen Austausch und die Vereinheitlichung der Bildungsabschlüsse im Zuge des Bolognaprozesses; auf der wirtschaftlichen Seite ist die starke Verflechtung des europäischen Binnenmarktes und die damit einhergehende höhere Wirtschaftskraft europäischer Länder hervorgehoben worden. Trotz dieser allseits positiven Äußerungen ist im Verlaufe der Diskussion deutlich geworden, dass die einzelnen Teilnehmer sehr unterschiedliche Erwartungen an Europa richten. Während auf der einen Seite eine stärkere gesetzliche Regulierung beispielsweise im Automobil- und Lebensmittelbereich gefordert wird, wünscht sich die andere Seite ein liberales Europa, das sich durch die Freiheit und die Selbstverantwortung jedes Einzelnen auszeichnet anstatt durch Gesetze, die in Gesellschaft und Wirtschaft eingreifen.
Ganz anders zeigte sich die Wahrnehmung der Schüler. Zwar sehen sie, wie die Diskussionsteilnehmer auch, viele Chancen in einem vereinten Europa, nichtsdestotrotz bedeutet Europa für sie ebenso einen erhöhten Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt, in diesem Zusammenhang wurde z.B. auf die hohen Erwartungen bezüglich des Bildungsabschlusses und der Anzahl der zu absolvierenden Auslandsaufenthalte hingewiesen, sowie die Schwierigkeiten, ohne entsprechende persönliche Kontakte Praktika im Ausland zu finden. Die Hoffnungen, die für die Schüler mit Europa verbunden sind, scheinen von ihren Zukunftsängsten, in erster Linie bedingt durch den erhöhten Konkurrenzdruck auf dem europäischen Markt, überlagert zu werden.
Um diese Ängste zu zerstreuen, hoben die Wirtschaftsvertreter und der FDP-Abgeordnete Christian Grascha die hohe Konkurrenzfähigkeit des Bildungsstandortes Deutschland und damit der deutschen Arbeitnehmer im europäischen Vergleich hervor, woraufhin die Schüler aber die Diskussionsteilnehmer an die schlechten Ergebnisse der letzten Pisa-Studie erinnerten. So entwickelte sich eine bildungspolitische Debatte, in der Frauke Heiligenstadt insbesondere das dreigliedrige Schulsystem und die Einführung des Abiturs nach 12 Jahren als bildungspolitische Defizite in Niedersachsen benannte und darauf aufmerksam machte, dass in keinem anderen Land Europas die Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungsgrad eines Kindes so groß sei wie in Deutschland. Hierdurch werde in Bezug auf die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands sowohl innerhalb der Europäischen Union als auch weltweit erhebliches Potential verschenkt. Diese Frage der sozialen Gerechtigkeit im deutschen Bildungssystem schien bei den Schülern auf hohe Resonanz zu stoßen, denn sie brachten sich lebhaft mit ihren eigenen Erfahrungen und Meinungen zu diesem Thema in die Diskussion ein.
Im Anschluss an die Diskussion riefen alle Diskussionsteilnehmer die Schüler dazu auf, bei der anstehenden Europawahl wählen zu gehen, um sowohl Europa als aber auch Deutschland selbst mitgestalten zu können in Anbetracht des großen Anteils deutscher Gesetze, die aus Brüssel und nicht etwa Berlin stammten.